Das Rad als Begleiter durchs Leben
Die Anfänge
In den am weitesten zurückreichenden Erinnerungen sehe ich mich in sehr einfachen Kindersitzen auf dem Fahrrad meiner Mutter. Befestigt waren diese Sitze entweder vorne an der Lenkstange oder hinten auf dem Gepäckträger. Ich meine mich auch zu erinnern, dass wir so ausgestattet einmal zum Kinderfest in die Nachbargemeinde Ellhofen gefahren sind, wobei wir allerdings die Räder vor dem steilen Abstieg zum Tobelbach stehen ließen und den Rest des Weges zu Fuß zurücklegen mussten.
Das selbständige Radeln lernten wir Buben überwiegend auf gewöhnlichen Damenrädern. Wohl weil wir das emotional nicht als angemessen empfanden, bedienten wir uns gelegentlich auch großer Herrenräder und nahmen dafür die für uns viel zu hohen Stangen als Hindernis in Kauf. Folglich mussten wir dann das rechte Bein unter der Stange hindurch auf das rechte Pedal setzen, was nur ein ziemlich schräges Fahren zuließ.
Zu meiner großen Überraschung stand am Heiligen Abend des Jahres 1958 ein zu meiner Körpergröße passendes "Jugendrad" der Marke Rixe neben unserem Christbaum, wenngleich dieses Geschenk nicht so recht zu den winterlichen Straßenbedingungen passen mochte. Dieses Rad und alle späteren Drahtesel dienten damals aber immer primär dazu, die nötigen Distanzen zurückzulegen, etwa zum Eis-Essen in Oberstaufen oder zum Fußballspielen in anderen Dörfern. Als regelrechtes Sportgerät oder gar als Kultgegenstand haben wir Fahrräder damals nie gesehen.
Die erste große Radtour
Als ich mit gut 20 Jahren die Landwirtschaft aufgegeben hatte und in einer Schule in Wolfratshausen den Zweiten Bildungsweg eingeschlagen hatte, konnte ich endlich meine Ferien nach meinen Vorstellungen verplanen. Und so erwachte in mir die Vorstellung, ich müsste endlich was ganz Außergewöhnliches unternehmen. Da ich nebenbei als Wahlfach bei unserem Schuldirektor ein wenig Italienisch gelernt hatte, drängte sich eine Radtour nach Italien, möglichst bis Rom, geradezu auf. Dazu musste ich aber erst mal irgendwo einen gebrauchten Halbrenner erstehen, mehr erlaubte mein knappes Budget nicht. Und so startete ich eines Morgens im August des Jahres 1970, relativ schlecht vorbereitet und noch mangelhafter ausgestattet, zu meiner Italienischen Reise und begab mich so auf die Spuren von Johann Wolfgang von Goethe.
Wie diese Radtour in der Geografie genau verlief und welche Etappen ich dabei zurücklegte, zeigt die nebenstehende Karte. Welche Erlebnisse damit verbunden waren und welche Torturen dies mit sich brachte, könnt ihr ausführlich in meinem Buch "Herbststimmung - Erinnerungen und Gedanken eines Allgäuers" (ISBN 978-3-347-23227-3) nachlesen. Eine gekürzte Version findet ihr auch in einem eigenen Post in meinem Blog "Allgäu und mehr"
Eine Leidenschaft und ihr Ende
Mit dem Radfahren im großen
Stil war es nach der Italien-Fahrt zunächst vorbei. Erst als ich in Freiburg mein
Studium begonnen hatte, wurde mir ein solch zweirädriges Gefährt
wieder zu einem wichtigen Begleiter, einerseits für den täglichen
Weg zur Uni, sofern es die Witterung zuließ, andererseits auch für
Ausflüge an Wochenenden, vorwiegend in den Kaiserstuhl und ins
Elsass. Und noch mehr Bedeutung erlangte das Radeln, als ich bereits
in Augsburg studierte und dort meinen Partner kennen gelernt hatte.
Gleich in den ersten Tagen unserer Bekanntschaft unternahmen wir
einen kleinen Ausflug in die Westlichen Wälder. Und dies war erst der
Anfang einer kleinen Leidenschaft. So manches Wochenende und manch
ein Kurzurlaub waren für uns nun ausgefüllt mit Radtouren. Das
geeignete Wegenetz im weiten Umkreis um Augsburg, vom Ammersee bis
ins Ries, wurde uns ziemlich vertraut. Bei Mehrtagesfahrten kamen wir bis
Passau, mühten wir uns in einer Dolomitenrunde über mehrere Pässe,
durchquerten wir den Norden Deutschlands von Lüneburg über Lübeck, Kiel, Flensburg und durch ein kleines Stück Dänemark bis Sylt. Ein
anderes Mal war die ostfriesische Küste von Emden bis zum Jadebusen auf unserem Plan. Wir
verlängerten auch meinen früheren Italien-Trip um die Strecken von
Florenz nach Rom und später mal von Rom bis Ischia und Neapel. Kaum
war der Eiserne Vorhang gefallen, zog es uns mit Fahrrad und
Zweimannzelt nach Südböhmen und in den Böhmerwald; und ein Jahr
später ging es an der Ostsee von Rostock über Hiddensee bis Rügen.
Als die Kondition dann schon langsam nachließ, bevorzugten wir
zunehmend die gemütlicheren Fahrten, etwa um den Bodensee oder
entlang bekannter Flüsse wie Altmühl, Donau, Main, Tauber und
Saar-Mosel. Ein Höhepunkt war natürlich auch für uns der Klassiker
des Flussradelns: Die Donau von Passau bis Wien und sogar noch
darüber hinaus bis an die ungarische Grenze. Von dieser keineswegs spektakulären Tour, die wir
im Frühsommer 2001 zusammen mit unserem Nachbarn Toni unternommen
haben, hielt ich kurz nach der Rückkehr die interessantesten
Begebenheiten und Erlebnisse in einem ausführlichen Bericht fest, den ihr ebenfalls in meinem oben erwähnten Buch finden könnt.
Eine Abfolge von Krankheiten, die mich ab Oktober 2021 getroffen hat, sowie die zunehmende Schreckhaftigkeit meines Partners zwingt uns jetzt aber dazu, auf längere Fahrten mit dem Rad ganz zu verzichten, sodass ich inzwischen von mehreren verfügbaren Rädern im Keller fast nur noch eines für gelegentliche Fahrten innerhalb der Stadt benutze.
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