Zwischen Lappland und Lissabon
Per Auto-Stopp unterwegs
Angefangen hat es ziemlich unspektakulär. Ich hatte meinen langjährigen Mentor Josef B. zum Klausenhof am Niederrhein begleitet, wo er seine Ausbildung zum Entwicklungshelfer antrat. Danach musste ich irgendwie ins Allgäu zurückkommen. Und so versuchte ich erstmals mein Glück als Tramper. Schnell voran kam ich dabei nicht, denn zwischen Oberhausen und Ulm verbrachte ich viele Stunden als Beifahrer in einem mit schwerem Stahl beladenen und deshalb unheimlich langsam fahrenden LKW. Dennoch war ich am nächsten Nachmittag daheim. Und auch wenn die erste Erfahrung nicht übermäßig motivierend war, ließ es mich danach doch nicht mehr los. Sooft es möglich war, begab ich mich auf die Landstraße, sei es, um am Wochenende nur von meiner Schule in Wolfratshausen nach Stiefenhofen zu kommen, sei es aber auch für größere Rucksack-Reisen in den Ferien.
Meine erste größere Erfahrung als
Tramper sammelte ich dann im Jahr darauf zusammen mit einem Schulfreund aus Donauwörth bei einer Tour über
Belgien, England und Wales bis in den Nordwesten Irlands, bei der bei weitem nicht alles bestens geklappt hat. Bereits in Mannheim hatten wir uns in aussichtsloser Lage trennen müssen, und erst in einer Jugendherberge in Dublin haben wir uns eher zufällig wieder getroffen.
Auf diese
Weise kam ich später aber auch durch ganz Italien bis Sizilien, wobei mir in Rapallo ein folgenschweres Missgeschick passierte, weil ich schwitzend meine Brille auf dem Betonsockel an der Mautstelle bei der Autobahneinfahrt ablegte und dann prompt vergaß, als mich ein Carabinieri in Zivil mitnahm, der mich dann aber ganz ungünstig in einer Verzweigung der Autostrada absetzte.
Als ich bereits in Freiburg studierte, stoppte ich mehrfach nach Paris. Ein andermal ging es quer durch das damals noch von
Franco regierte Spanien bis in das ebenfalls noch von einem Diktator
beherrschte Portugal. Und weil ich mir in den Kopf gesetzt hatte, vom
Weg nach Lissabon unbedingt noch einen zeitaufwändigen Abstecher zum
Wallfahrtsort Fatima zu machen, kam ich erst sehr spät am Abend in
der Hauptstadt am Tejo an, wo ich keine reguläre Unterkunft mehr fand. Zu meinem
alternativen Vorhaben, die Nacht irgendwo im Parque
Eduardo VII auf
einer Bank zu verbringen, kam es dann doch nicht. Denn ein
vermeintlich wohlmeinender junger Kerl, der mich bereits beim
Verlassen der Metro-Station auffällig beobachtet hatte, riet mir
davon eindringlich ab, da die Polizei das nicht dulde. Stattdessen
bot er mir an, mich mit in seine casa
zu nehmen, da seine
Eltern gerade verreist seien. Nach einem ziemlich langen Fußmarsch
erreichten wir schließlich in einem Elendsquartier die Unterkunft,
die sich eher als eine Hütte entpuppte. In der folgenden
Horror-Nacht fürchtete ich nicht nur um mein Geld und auch –
vielleicht unberechtigt – um mein Leben, sondern schnappte auch
noch Flöhe auf, die ich dann zwei Tage lang in fremden Autos mit mir
führte. Ich schäme mich heute immer noch bei dem Gedanken, dass ich
so – quasi biologisch kontaminiert – einen halben Tag lang auf
dem Rücksitz zwischen zwei Töchtern einer Madrider Familie saß.
Was mögen die wohl später über diesen Aleman
gesagt haben? Als ich diese Tierchen dann endlich wieder
abgeschüttelt hatte, ging es weiter zur spanischen Südspitze, von
wo aus ich bei einem Schiffsausflug nach Ceuta erstmals zumindest
geografisch den afrikanischen Kontinent betrat.
Ganz andere Erfahrungen machte ich, als ich zusammen mit einem Schulkameraden beiderseits des
Polarkreises in Lappland trampend unterwegs war. Denn da mussten wir schmerzlich erfahren, wie
hilflos doch ein Mensch ist, wenn er sich Schwärmen von aggressiven
Stechmücken schutzlos ausgesetzt sieht und keinerlei
Fluchtmöglichkeit hat.
Fazit: Diese oft sehr
beschwerliche Art zu reisen war mir mit der Zeit fast zu einer
Passion geworden, bot sie doch weit mehr als nur einen Hauch von Abenteuer, da
man ja nie wissen konnte, wie weit man kommen bzw. ob man überhaupt
wegkommen würde. Und außerdem lag für mich ein besonderer Reiz an
diesem Reisen darin, dass ich dabei immer wieder mit unbekannten
Menschen in Kontakt kam, mit denen ich – ohne Rücksicht auf die
grammatische Richtigkeit – ganz ungeniert in einer Fremdsprache
reden konnte, und zwar über alle denkbaren Themen, auch über heikle
und tabu-belegte. Schließlich konnte man ja so gut wie sicher sein,
dass man sich nie mehr begegnen würde.
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