Sonntag, 29. Oktober 2023

Wirtshaus-Kind

 In einem Allgäuer Gasthaus daheim

Wer selbst in einer Gastwirtsfamilie aufgewachsen ist, weiß wovon ich rede. Man hat auf so manche Annehmlichkeiten und Intimitäten, die in einer halbwegs intakten Normal-Familie üblich sind, verzichten müssen. Zudem musste man seine persönlichen Bedürfnisse und Wünsche oft zurückstellen, weil die Gäste halt immer wichtiger waren. Andererseits habe ich auch von manchen Vorteilen profitiert, die ich im Rückblick nicht zu gering schätzen will.


Lehrreiche Stunden

So boten sich mir in unserem Gasthaus zum Rössle in der Stiefenhofener Ortsmitte auch sehr interessante und lehrreiche Stunden, wenn ich als kluinar Buâ oft in der Gaststube an einem Nebentisch sitzen durfte und mir interessiert anhörte, was sich die Männer am Stammtisch alles zu erzählen hatten. Es ging dabei in den 50-er Jahren noch sehr oft um die Erlebnisse im Krieg und in der Gefangenschaft – schließlich fehlte mindestens dreien der Stammgäste als böse Erinnerung daran ein Arm. Gesprächsstoff bot in dieser Wirtshausstube aber auch oft der Umsturz von 1945 mit dem Iruckê der in französischen Diensten stehenden Marokkaner, was ich anfangs immer mit Amerikaner verwechselt hatte. Als nämlich diese sich von der südwestlichen Anhöhe dem Dorf genähert hätten, soll gerade ein Bauer beerdigt worden sein. Die Trauergemeinde auf dem Friedhof habe deshalb befürchtet, dass sich diese fremden Soldaten über das von meiner Mutter für das anschließende Opfêr vorbereitete Essen her machen würden, wofür sicher eine Sau schwarz geschlachtet worden war. Möglicherweise hätte sich die Befürchtung auch bewahrheitet, wenn da eine christliche Einheit einmarschiert wäre. Viel geredet wurde in der Gaststube auch immer über das anschließende Errichten der amerikanisch-französischen Zonengrenze mitten durch die Pfarr- und Schulgemeinde. Und meine Mutter verwies häufig auf die schlechten Nachkriegsjahre, auf d’ R-Mark-Zit, als man sich kaum mehr was kaufen konnte und sich weitgehend auf das Tauschen verlegt hatte, was ihr als Wirtin das Auskommen besonders schwer gemacht hat. Und welch eine Erlösung die Einführung der D-Mark gewesen sei, kam auch oft zur Sprache.

links  das Gasthaus zum Rössle in Stiefenhofen

So manchen Gesprächsstoff boten natürlich auch die nach 1945 in der Gemeinde untergebrachten Flichtling, die man nie Vertriebene nannte, was ja ihr Schicksal zutreffender beschrieben hätte. Was ich in den 50-er Jahren noch über diese bereits integrierten Mitbürger in der Gaststube vernehmen konnte, klang keineswegs immer schmeichelhaft. Des Öfteren erinnerte man sich aber auch an jenen Mai-Abend bei Kriegsende, als eine Gruppe von Vertriebenen, darunter eine danach bei uns einquartierte Familie aus dem Egerland, auf einem Lastfahrzeug antransportiert wurde, was bei den Einheimischen nicht nur Mitleid und spontane Hilfsbereitschaft ausgelöst habe. Eine ältere Frau, die gerade auf dem Weg zur Mai-Andacht gewesen sei, habe sich bei diesem Anblick sogar deutlich vernehmbar zu einer bösen Vermutung hinreißen lassen, welche ich später von meiner Mutter mehrfach folgendermaßen zitiert vernahm: Mein Gott, was werêt doch âû des fiâr Litt si, wo alls als it schaffê megêt


Auch heikle Themen am Stammtisch

Vermutlich nur im kleineren Gästekreis und eher zurückhaltend kam manchmal die Rede auf eine eher heikle Geschichte, auf das Zusammenleben und den Umgang mit den Gefangenen, hauptsächlich Polen, die in den Kriegsjahren bei verschiedenen Bauern zwangsverpflichtet arbeiteten. Manche Bauernfamilien seien, so konnte ich vernehmen, mit ihren Fremdarbeitern sehr gut gefahren, hätten diese aber auch anständig behandelt. Von meiner Mutter hörte ich in diesem Zusammenhang einige Male, sie sei von einem der zwei Ortsgruppenleiter mehrmals eindringlich verwarnt worden, weil sie diesen Männern erlaubt habe, sich am Sonntag nach dem Amt in unserem Schopf zu treffen und weil sie ihnen dann und wann sogar Bier ausgeschenkt habe. Nicht unerwähnt blieb am Stammtisch auch, dass dieser Ortsgruppenleiter – ich erlebte ihn in den späten 50-er Jahren als ziemlich unauffälligen Mitbürger – nach dem Umsturz von einigen Fremdarbeitern aufgesucht worden sei, nicht nur zu einem klärenden Gespräch. Zur Sprache kam aber auch, dass es einigen weniger eifrigen Parteimitgliedern später zum Vorteil gereicht habe, wenn sie vor der Entnazifizierungskommission eine anständige Behandlung ihrer Gefangenen nachweisen konnten. Ich meine, dass ich damals bereits eine gewisse Genugtuung empfand, wenn ich aus den Erzählungen heraus hören konnte, dass die in der NS-Zeit von oben angeordneten Gegensätze zwischen Freund und Feind, zwischen Volksgenossen und (slawischen) Untermenschen, sich im Kriegsalltag auf dem Land doch ziemlich verwischten. In diesem Zusammenhang ist auch erwähnenswert, dass ich während meiner Kindheit und Jugendzeit weder in der Gaststätte noch sonst wo in der Gemeinde je auch nur andeutungsweise etwas über die Geschichte des jüdischen Mädchens Gabriele Schwarz (im Film Leni genannt) erfahren habe, deren Schicksal erst Jahrzehnte später publik und sogar verfilmt wurde. Dabei habe ich die Familie, bei der diese Gabriele bis zu ihrem Abtransport in ein Vernichtungslager gelebt hatte, ziemlich gut gekannt.

All diese Informationen, welche ich in dieser Gaststube aufschnappte und irgendwie speicherte, bedeuteten für mich natürlich auch einen deutlichen Wissensvorsprung gegenüber meinen Altersgenossen. Aber nicht alles, was ich da zu hören bekam, konnte ich wirklich ganz verarbeiten. So erinnere ich mich heute noch gut an ein menschliches Unikum namens Ulrich, den die russische Gefangenschaft vermutlich besonders stark mitgenommen und geprägt hatte. Er war Doolê-Gräbar, war also tagsüber damit beschäftigt, in nassen Wiesen Gräben auszuheben und Sickerrohre zu verlegen. Gegen Abend kam er dann oft mit am dreckêtê Häß und mit Lehm verschmierten Lederstiefeln in die Gaststube, wo er regelmäßig auf ausgebreitetem Zeitungspapier an einem separaten Tisch saß. Von dort redete er meist deutlich hörbar mit sich selbst, manchmal auch überlaut wirres Zeug in Richtung Stammtisch, ohne jedoch von dort wirklich eine Reaktion zu erwarten. Er erwähnte häufig den Kaukáásus (so betont!) als sein Einsatzgebiet, und es fielen von ihm immer wieder zwei weitere Ausdrücke: Iwan und Nixbollomai. Ersteres deutete ich wohl damals schon als Umschreibung für Russe, letzteres konnte ich jedoch erst Jahrzehnte später mit der russischen Verbform ne ponumaju in Verbindung bringen, was ja schlicht und einfach bedeutet ich verstehe nicht


Auch unschöne Einblicke

Die häufige Anwesenheit in den Gasträumen und das aufmerksame Beobachten der Wirtshausgäste waren für mich, den kleinen Bub, nicht nur lehrreich, sondern boten mir auch schon sehr früh tiefe Einblicke in die unschönen, ja abstoßenden Seiten der ländlichen Gastronomie und in manche mit dem Alkoholkonsum verbundenen menschlichen Abgründe. So bekam ich schon sehr früh mit, welche von den Männern, die im Alltag durchaus als rechtschaffen galten, unter stärkerem Alkoholeinfluss ihre negativen Seiten nach außen kehrten. Manche wollten beispielsweise beim Bezahlen nicht zu der von ihnen konsumierten Menge stehen und ließen es dann gegenüber dem Bedienungspersonal arg an Anstand missen. Andere machte der Alkohol gelegentlich streit- und raufsüchtig, wobei sie dann oft problemlos ein kampfbereites Gegenüber fanden. Es gehört wohl zu den unangenehmsten Pflichten von Wirtsleuten, in solchen Fällen besonnen aber klar durchzugreifen. Manchmal musste ich aber auch erleben, dass der Alkohol durchaus gestandene und allseits geachtete Mannsbilder zu erbärmlich hilflosen Wesen mutieren ließ. Und einmal wurde ich sogar Augenzeuge, als der voll betrunkene ledige Bäcker aus der Nachbarschaft nach einer Veranstaltung von einigen jungen Männern heim geschleppt und dann vor seinem Haus einfach achtlos auf einem Haufen Daas abgelegt wurde. Später hat man den hilflosen Kerl dann doch noch in sein Bett gebracht, von dem er aber nie mehr aufstand.

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