In einem Allgäuer Gasthaus daheim
Wer selbst in einer Gastwirtsfamilie aufgewachsen ist, weiß wovon ich rede. Man hat auf so manche Annehmlichkeiten und Intimitäten, die in einer halbwegs intakten Normal-Familie üblich sind, verzichten müssen. Zudem musste man seine persönlichen Bedürfnisse und Wünsche oft zurückstellen, weil die Gäste halt immer wichtiger waren. Andererseits habe ich auch von manchen Vorteilen profitiert, die ich im Rückblick nicht zu gering schätzen will.
Lehrreiche Stunden
So boten sich mir in unserem Gasthaus zum Rössle in der Stiefenhofener Ortsmitte auch sehr interessante und lehrreiche Stunden, wenn ich
als kluinar Buâ
oft in der Gaststube an einem Nebentisch sitzen durfte und mir
interessiert anhörte, was sich die Männer am Stammtisch alles zu
erzählen hatten. Es ging dabei in den 50-er Jahren noch sehr oft um
die Erlebnisse im Krieg und in der Gefangenschaft – schließlich
fehlte mindestens dreien der Stammgäste als böse Erinnerung daran
ein Arm. Gesprächsstoff bot in dieser Wirtshausstube aber auch oft der
Umsturz
von 1945 mit dem Iruckê
der in französischen Diensten stehenden Marokkaner,
was ich anfangs immer mit Amerikaner
verwechselt hatte. Als
nämlich diese sich von der südwestlichen Anhöhe dem Dorf genähert
hätten, soll gerade ein Bauer beerdigt worden sein. Die
Trauergemeinde auf dem Friedhof habe deshalb befürchtet, dass sich
diese fremden Soldaten über das von meiner Mutter für das
anschließende Opfêr
vorbereitete Essen her machen würden, wofür sicher eine Sau schwarz
geschlachtet worden war. Möglicherweise hätte sich die Befürchtung
auch bewahrheitet, wenn da eine christliche Einheit einmarschiert
wäre. Viel geredet wurde in der Gaststube auch immer über das
anschließende Errichten der amerikanisch-französischen Zonengrenze
mitten durch die Pfarr- und Schulgemeinde. Und meine Mutter verwies
häufig auf die schlechten Nachkriegsjahre, auf d’
R-Mark-Zit,
als man sich kaum mehr was kaufen konnte und sich weitgehend auf das
Tauschen verlegt hatte, was ihr als Wirtin das Auskommen besonders
schwer gemacht hat. Und welch eine Erlösung die Einführung der
D-Mark gewesen sei, kam auch oft zur Sprache.

links das Gasthaus zum Rössle in Stiefenhofen
So manchen Gesprächsstoff
boten natürlich auch die nach 1945 in der Gemeinde untergebrachten
Flichtling,
die man
nie Vertriebene nannte, was ja ihr Schicksal zutreffender
beschrieben hätte. Was ich in den 50-er Jahren noch über diese
bereits integrierten Mitbürger in der Gaststube vernehmen konnte,
klang keineswegs immer schmeichelhaft. Des Öfteren erinnerte man
sich aber auch an jenen Mai-Abend bei Kriegsende, als eine Gruppe von
Vertriebenen, darunter eine danach bei uns einquartierte Familie aus
dem Egerland, auf einem Lastfahrzeug antransportiert wurde, was bei
den Einheimischen nicht nur Mitleid und spontane Hilfsbereitschaft
ausgelöst habe. Eine ältere Frau, die gerade auf dem Weg zur
Mai-Andacht gewesen sei, habe sich bei diesem Anblick sogar deutlich
vernehmbar zu einer bösen Vermutung hinreißen lassen, welche ich
später von meiner Mutter mehrfach folgendermaßen zitiert vernahm:
Mein Gott, was werêt
doch âû des fiâr Litt si, wo alls als it schaffê megêt.
Auch heikle Themen am Stammtisch
Vermutlich nur im kleineren
Gästekreis und eher zurückhaltend kam manchmal die Rede auf eine
eher heikle Geschichte, auf das Zusammenleben und den Umgang mit
den Gefangenen,
hauptsächlich Polen, die in den Kriegsjahren bei verschiedenen
Bauern zwangsverpflichtet arbeiteten. Manche Bauernfamilien seien, so
konnte ich vernehmen, mit ihren Fremdarbeitern sehr
gut gefahren, hätten
diese aber auch anständig behandelt. Von meiner Mutter hörte ich in
diesem Zusammenhang einige Male, sie sei von einem der zwei
Ortsgruppenleiter mehrmals eindringlich verwarnt worden, weil sie
diesen Männern erlaubt habe, sich am Sonntag nach dem Amt in unserem
Schopf
zu treffen und weil sie ihnen dann und wann sogar Bier ausgeschenkt
habe. Nicht unerwähnt blieb am Stammtisch auch, dass dieser
Ortsgruppenleiter – ich erlebte ihn in den späten 50-er Jahren als
ziemlich unauffälligen Mitbürger – nach dem Umsturz
von einigen Fremdarbeitern aufgesucht worden sei, nicht nur zu einem
klärenden Gespräch. Zur
Sprache kam aber auch,
dass es einigen weniger eifrigen Parteimitgliedern später zum
Vorteil gereicht habe, wenn sie vor der Entnazifizierungskommission
eine anständige Behandlung ihrer Gefangenen
nachweisen konnten. Ich meine, dass ich damals bereits eine gewisse
Genugtuung empfand, wenn ich aus den Erzählungen heraus hören
konnte, dass die in der NS-Zeit von oben angeordneten Gegensätze
zwischen Freund
und Feind,
zwischen Volksgenossen
und (slawischen) Untermenschen,
sich im Kriegsalltag auf dem Land doch ziemlich verwischten. In
diesem Zusammenhang ist auch erwähnenswert, dass ich während meiner
Kindheit und Jugendzeit weder in der Gaststätte noch sonst wo in der
Gemeinde je auch nur andeutungsweise etwas über die Geschichte des
jüdischen Mädchens Gabriele Schwarz (im Film Leni genannt) erfahren habe, deren Schicksal erst Jahrzehnte später publik und
sogar verfilmt wurde. Dabei habe ich die Familie, bei der diese Gabriele bis zu ihrem Abtransport in ein Vernichtungslager gelebt hatte,
ziemlich gut gekannt.
All diese Informationen, welche
ich in dieser Gaststube aufschnappte und irgendwie speicherte,
bedeuteten für mich natürlich auch einen deutlichen
Wissensvorsprung gegenüber meinen Altersgenossen. Aber nicht alles,
was ich da zu hören bekam, konnte ich wirklich ganz verarbeiten. So
erinnere ich mich heute noch gut an ein menschliches Unikum namens
Ulrich, den die russische Gefangenschaft vermutlich besonders stark
mitgenommen und geprägt hatte. Er war Doolê-Gräbar,
war also tagsüber damit beschäftigt, in nassen Wiesen Gräben
auszuheben und Sickerrohre zu verlegen. Gegen Abend kam er dann oft
mit am dreckêtê Häß
und mit Lehm verschmierten Lederstiefeln in die Gaststube, wo er
regelmäßig auf ausgebreitetem Zeitungspapier an einem separaten
Tisch saß. Von dort redete er meist deutlich hörbar mit sich
selbst, manchmal auch überlaut wirres Zeug in Richtung Stammtisch,
ohne jedoch von dort wirklich eine Reaktion zu erwarten. Er erwähnte häufig den Kaukáásus (so betont!) als sein Einsatzgebiet, und es fielen von ihm immer wieder zwei weitere Ausdrücke: Iwan
und Nixbollomai.
Ersteres deutete ich wohl damals schon als Umschreibung für Russe,
letzteres konnte ich jedoch erst Jahrzehnte später mit der
russischen Verbform ne
ponumaju in
Verbindung bringen, was ja schlicht und einfach bedeutet ich
verstehe nicht.
Auch unschöne Einblicke
Die häufige Anwesenheit in den
Gasträumen und das aufmerksame Beobachten der Wirtshausgäste waren
für mich, den kleinen Bub, nicht nur lehrreich, sondern boten mir
auch schon sehr früh tiefe Einblicke in die unschönen, ja
abstoßenden Seiten der ländlichen Gastronomie und in manche mit dem
Alkoholkonsum verbundenen menschlichen Abgründe. So bekam ich schon
sehr früh mit, welche von den Männern, die im Alltag durchaus als
rechtschaffen galten, unter stärkerem Alkoholeinfluss ihre negativen
Seiten nach außen kehrten. Manche wollten beispielsweise beim
Bezahlen nicht zu der von ihnen konsumierten Menge stehen und ließen
es dann gegenüber dem Bedienungspersonal arg an Anstand missen.
Andere machte der Alkohol gelegentlich streit- und raufsüchtig,
wobei sie dann oft problemlos ein kampfbereites Gegenüber fanden. Es
gehört wohl zu den unangenehmsten Pflichten von Wirtsleuten, in
solchen Fällen besonnen aber klar durchzugreifen. Manchmal musste
ich aber auch erleben, dass der Alkohol durchaus gestandene und
allseits geachtete Mannsbilder zu erbärmlich hilflosen Wesen
mutieren ließ. Und einmal wurde ich sogar Augenzeuge, als der voll
betrunkene ledige Bäcker aus der Nachbarschaft nach einer
Veranstaltung von einigen jungen Männern heim geschleppt und dann
vor seinem Haus einfach achtlos auf einem Haufen Daas
abgelegt wurde. Später hat man den hilflosen Kerl dann doch noch in
sein Bett gebracht, von dem er aber nie mehr aufstand.